, Schenkel Joelle

Rethinking Risk: Der Blick über das Index-Trauma hinaus

Die Frage, was als traumatisch gilt, bleibt nach wie vor Gegenstand einer langjährigen Debatte in der Traumaforschung. Das DSM-5 begrenzt Trauma auf Ereignisse mit tatsächlicher oder angedrohter Lebensgefahr, schwerer Verletzung oder sexueller Gewalt (Kriterium A). Die ICD-11 definiert Trauma breiter und schliesst auch psychologisch bedrohliche Erfahrungen ein, die das Sicherheitsgefühl einer Person untergraben können - wie beispielsweise Mobbing, Stalking oder emotionale Vernachlässigung. Nicht formal als traumatisch klassifizierte, aber dennoch belastende Lebensstressoren – etwa finanzielle Probleme, Trennungen oder Krankheit – bleiben in der Traumadiagnostik häufig unberücksichtigt. Diese aktuelle Studie untersucht, wie sich diese drei Belastungsarten einzeln und in Kombination auf das Risiko für PTBS und komplexe PTBS auswirken.

Die Studie stützt sich auf zwei Schweizer Stichproben – eine grössere Online-Befragung sowie eine Gruppe mit strukturierten klinischen Interviews. In den untersuchten Stichproben zeigte sich PTBS vor allem mit aktuellen Lebensstressoren assoziiert, während komplexe PTBS mit allen drei Belastungsarten einen Zusammenhang aufwies – am ausgeprägtesten, wenn psychologisch bedrohliche Erfahrungen zusätzlich zu klassischen Traumata oder aktuelle Lebensstressoren auftraten. Für die diagnostische Praxis bedeutet dies, dass die Abklärung nicht bei einem einzelnen „schlimmsten" Ereignis oder Index-Trauma stehenbleiben darf, sondern die gesamte Belastungsgeschichte einer Person einbezogen werden sollte. 

Zum Artikel: https://doi.org/10.1037/trm0000671